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Sonntag, 11. Oktober 2015

Rotkäppchen und der böse Schlamm
Der Bad Wolf Dirt Run 2015

Liebe Schnitzelfreunde,
es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt. Eine halbe Woche lang hing ich jetzt in den Seilen. Mit diesem ich-bin-älter-als-meine-Omma-Gefühl. Weil ich mal wieder etwas getan hatte, ohne vorher groß darüber nachzudenken, was hinterher dabei rumkommen könnte. Versteht mich nicht falsch - ich bereue nichts! Es ist einfach nur sehr, sehr schön, wenn der Schmerz nachlässt...

Ich habe diese Theorie, dass sehr viele Dinge genau zum richtigen Zeitpunkt geschehen, auch wenn es erst überhaupt nicht danach aussieht. Man bucht etwas, viele Wochen im Voraus. In diesen vielen Wochen vor dem Ereignis dreht das Leben unangemeldet voll auf, nervt dich, rüttelt und zerrt an dir, du schnauzt es an, damit es endlich Ruhe gibt, aber auf dich hört ja niemand. 

Dann steht plötzlich das Ereignis vor der Tür und sagt: Tach, kann ich reinkommen? Du denkst: Oh man, nee, schon so spät? Öhm, nicht aufgeräumt, keinen Kuchen gebacken, Haare zerwühlt, viel zu wenig geschlafen, geh weg. Und öffnest trotzdem die Türe. Weil Besuch eigentlich immer zum rechten Zeitpunkt kommt. Und wenn's der richtige Besuch ist, interessiert ihn auch die Unordnung nicht die Bohne. Weil's um was anderes geht. Was Wichtigeres.

  
Aber nochmal kurz zurück zum Anfang. Manchmal packt's einen ja, so ganz unverhofft. Man folgt irgendeiner Eingebung, löst sich vom Verstand und tut einfach. Ein bisschen wie Lucky Luke, der schneller zieht als sein Schatten. Nur eben in schneller handeln als denken. Es gibt zwar diesen schönen Spruch "Erst denken, dann handeln", aber ich glaube, den darf man nicht allzu oft befolgen. Wer zu viel denkt, hält sich selbst nämlich vom Handeln ab. Und das braucht echt kein Mensch.

Wenn ich einen dieser Lucky-Luke-Momente habe, läuft das in etwa so ab:

1. Irgendwas entdecken. Plakat oder Ähnliches. Mit Werbung für Dinge und Ereignisse, mit denen nicht jeder Mensch zu tun hat. Oder eventuell haben möchte.
2. Augen aufreißen, Herzklopfen bekommen, Habenwollen! Gah.
3. Völlig überstürzt Ticket kaufen, egal wie teuer. Na gut, fast.
4. Unschuldige Mitmenschen mit in die Chose reinziehen und gegen ihren Willen ins Unglück stürzen. Heimlich denken, die wollen das.
5. Innehalten. Bewusstwerden. Konsequenzen, Nachtigall und Konsorten trappsen hören. Ouh. Natürlich ist es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät für eventuelles Zurückrudern.
6. Auf die Unterlippe beißen. Grinsen.
7. "Scheiße..." (Diese Phase ist sehr kurz.)
8. "Egal, ich zieh das jetzt durch!" (Diese Phase ist sehr schön.)

Joah. Genau so lief das letztens mit dem Bad Wolf Dirt Run ab. Auf irgendeinem dieser zahlreichen Food Truck Festivals in Frankfurt hing so ein unschuldiges kleines Plakat und lockte mit Schlamm, Schweiß und Schinkenkeule in einem Kaff in Nordhessen. Den drei Dingen, denen keine Frau widerstehen kann. Zumindest in meiner Welt.



Ich mach mir wirklich immer mal wieder wahnsinnig gerne die Finger schmutzig. Liebend gerne auch den ganzen Rest gleich mit. Das hat sich sogar schon auf der Arbeit rumgesprochen. Ihr erinnert euch. Da, wo die Leute in schnieken Anzügen herumlaufen. Aber eben auch da, wo nicht alles und jeder, der in so einem schnieken Anzug drinsteckt, vom Wesen her unbedingt genauso schnieke sein muss. Wie überall eben. Manch einer verkleidet sich halt auch nur. Erwachsensein spielen. Die leichten Berührungsängste allerdings bleiben: "Wann ist das da mit deinem... Matsch-Event nochmal?" 

Von sowas muss man sich nicht immer gleich abschrecken lassen, dachte ich mir. Zwei ganze Tage lang hatte ich daher sogar versucht, ein Büro-Team zusammenzustellen. Gut. Sagen wir, es war ein völlig aussichtsloses Unterfangen und belassen es dabei. Beknackte Idee. Und das, obwohl es nur um die Rotkäppchenrunde gehen sollte. 


Der Bad Wolf Dirt Run ist einer dieser "Tough Mudder". Man kauft ein Ticket, um mit fremden Menschen durch ein Truppenübungsgebiet zu hecheln, Unmengen an Hindernissen zu überwinden und sich von oben bis unten komplett einzusauen. Entweder 9km lang - in der Rotkäppchendistanz - oder halsbrecherische 18km lang - in der Böser-Wolf-Distanz. Das wäre die Kurzfassung. Wird dem Ganzen nur nicht gerecht. Da diese Dirt Runs aber nicht mehr wirklich neu sind, erspare ich euch an dieser Stelle mal eine ausschweifende Erklärung und gehe niemandem auf den Senkel, sondern lieber gleich ans Eingemachte. Mitten rein in den Matsch also. Erzählmodus ein.

Nach vielen Minuten in der Anmeldeschlange halten mein Bruder und ich endlich unsere Goodie Bags in Händen. Braune Packpapiertüten gefüllt mit den nötigen Teilnahmeunterlagen. Das schicke T-Shirt streifen wir über, das Armband legen wir an und die Isla-Moos-Halstabletten beäugen wir ratlos. Pulmoll gibt's auch. Die denken also jetzt schon, dass wir gleich krank werden? Pöh. Woll'n wir doch mal sehen!

An der Backsteinwand links hängt ein Banner, darauf steht "Männerspielplatz", das passt. Ich fühl mich gut. Gabelstapler manövrieren Dixie-Klos durch die Menschenmenge, überall stehen Jeeps mit Allradantrieb, und die Leute hinter uns geben sich als Marathonläufer zu erkennen. Gesprächsthema: verhärtete Waden. Kurz bevor ich denke, doch nicht ganz hierher zu gehören, entdecke ich einen Mann mit einem Huhn auf dem Kopf. Das beruhigt mich irgendwie. Ich weiß nur nicht genau, warum. 

  
Wir geben unsere Klamotten ab und erkunden das Gelände des Offroad-Parks. Hier und da ist Kies aufgeschüttet, zwei Bagger markieren mit ihren hochgereckten Schaufeln den Start- und Zielpunkt, eine junge Dame wandert als Rotkäppchen verkleidet durch den Schlamm und lässt sich mit Teilnehmern fotografieren, die Stimmung ist ausgelassen und angenehm familiär. Die meisten Leute sehen sportlich, aber entspannt dabei aus. Einige wenige sind im absoluten Wettkampfmodus und wirken, als hätten sie sich monatelang auf diesen Lauf vorbereitet. Sehnig, agil, etwas verbissen. Der Rest gehört in die sehr große Gruppe, die hinterher einfach nur froh ist, überhaupt heil ans Ziel zu kommen. Egal, wann. Hauptsache, Spaß gehabt und nicht unterwegs gestorben. Der Mann mit dem Huhn auf dem Kopf gehört dazu, was anderes kann mir keiner erzählen. Das Pärchen mit den auf die rechte Schulter genähten Schweinen auch. Man kann einzeln, aber auch als Team starten; außerdem gewinnt nicht nur der schnellste Läufer, sondern auch das ausgefallenste Kostüm - und so laufen ganze Scharen von Vampiren, Feuerwehrleuten und Wasserballetttänzern in Tütüs durch die Grube. Man muss Prioritäten haben und seine Stärken ausspielen.

Es ist erst der zweite Dirt Run hier im Knüllwald (ist das großartig oder was?). Da sich die Teilnehmerzahl im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht hat, wird zeitversetzt in Blöcken gestartet. Die Wölfe zuerst, zwei Rotkäppchengruppen danach. So soll es möglich sein, dass die schnellen Wölfe die langsamen letzten Rotkäppchen einholen. Dramatik und dergleichen. Wir wurden dem letzten Block zugeordnet, haben also Zeit. Viel Zeit. 

Es gibt ein Aufwärmprogramm. Ein bulliger Mann klettert auf einen Kiesberg und brüllt die Menge lächelnd an. Ohne mit der Wimper zu zucken gehorchen alle und hüpfen und schnaufen und üben Kampfschreie. "HUAHHH!!" Wir machen mit und dehnen unser Programm noch etwas aus - sind ja keine 20 mehr, ne? Die Halstabletten im Goodie Bag verfehlen ihre Wirkung also nicht. Blöde erhobene Zeigefinger, manman.




Kurz vorm Startschuss: mein Bruder und ich stellen uns ins erste Drittel, weil wir nicht zum Spaß hier sind. Nur so'n bisschen. Ich will nicht sagen, dass mir der Arsch auf Grundeis geht, aber als der Radiomoderator das Rote Kreuz mit den Worten "auf den ersten 200 Metern hat's jemanden zerrissen" herbeilotst, sehe ich an mir herunter und überlege angestrengt, ob Fußballschuhe wohl die richtige Wahl waren? Na ja, zu spät. 

Gemeinsam zählen wir von 10 runter, der Startschuss ertönt, es geht los. Erste Kurve: gleich mal eine Pfütze so groß wie sechs Planschbecken. Elegant tänzel ich an deren linkem Rand entlang, bis der Mann gleich hinter mir mit einem Freudenschrei mittenrein springt und mir die braune Suppe in den Rücken spritzt. Naaa gut. War eh blöd von mir, zu denken, man könne hier lange sauber bleiben, ne? Danke. Als nächstes wird der Untergrund seltsam hartnäckig und zäh. Links und rechts von mir bleiben Leute stecken oder verlieren sogar ihre Schuhe. Ich habe Glück und tippsel behende durch diese fiese Falle. Dann geht es gefühlte 500m nur noch bergauf. Im Laufschritt. Mein Bruder sieht mich an. Wollen die uns umbringen? Ich glaube schon, ja. Es geht steil bergab, sehr, sehr steil. Ganz unten steht eine Frau und ruft fröhlich: "Keine Angst! Das tut nur EINmal weh." Das ist als Aufmunterung gemeint. Sie findet das lustig. Ich auch. Hervorragend.

Es läuft ganz gut. Wir fühlen uns fit. Meine Herren, sind wir fit! Guck doch mal, wie fit wir sind! Hätten wir doch nur die 18km gebucht, wa? Ein erster ernüchternder Tiefpunkt ist allerdings bald erreicht, als wir uns einig sind, bestimmt schon über die Hälfte der Strecke geschafft zu haben und dann 500m weiter ein Schild an einem Baum unbarmherzig "3km" anzeigt. WAS?! Drei? Oh Gott...


Das Ding aus dem Sumpf

Danach läuft es aber. Wir klettern über Baumstämme, waten geduldig durch Wasserlöcher, hieven unsere Popos über senkrecht angebrachte Netze und schieben uns gegenseitig diverse lehmverschmierte Anstiege hinauf. Der Matsch sammelt sich in den Schuhen, die mit jedem Schritt schwerer werden. Zwischen Schuhsohle und Fußsohle passen immerhin 4cm dicke Lehmklumpen. Pfützen werden zu Freunden. Immer öfter patschen wir einfach mittendurch, is jetzt eh wurscht, guck doch mal, wie wir aussehen. Genau, guck dich doch mal an! Dreckschwein. Ein gutes Gefühl, nicht mehr auf Äußeres zu achten. Achten zu können, achten zu wollen. Ich stehe mit einer Frau an einem Schlammloch. Wir gucken uns an. Grinsen. Obwohl drumherum genug Platz wäre, stürmen wir beide entschlossen mittendurch. "Dafür sind wir doch hier!" sagt sie. Recht hatse. Das ist wie mit dem Leben - ganz rein ist die bessere Option. Ich bin ein verkrusteter Glückskeks in Fußballschuhen.

An zwei Ständen auf der Strecke werden isotonische Getränke angeboten. Auch halbe Bananen und Power-Riegel für Bodybuilder, was ich auf einmal als total angebracht empfinde. Wir waschen uns vorher die Hände. In einem Bottich voller Matschwasser. 'Sauber' wird mittlerweile längst anders definiert.

Das ist dann doch eher 'dreckig' 

Kilometer 6 ist erreicht. Zwei Drittel. Irgendwann danach tauchen die "richtigen" Truppenübungsplatz-Stationen auf. Die, die man aus dem Fernsehen kennt: Mädels, rückt eure Käppchen zurecht. Jetzt wird ernsthaft über den Lehmboden gerobbt, der wie poliert wirkt, weil schon mehrere Dutzend Leiber darübergeschoben wurden. Auf die Knie! Dann ein Wasserloch, leider diesmal abgedeckt, also Ärmel hoch und eintauchen. Nee, is dat schön. Danach sehen wir aus, als hätte man uns mit den Füßen voran in einen überdimensionierten Kessel voll feinster Milchschokolade getunkt. Dann die obligatorischen Autoreifen. Links, rechts, links, rechts, hop, hop, hop, durch Betonrohre krabbeln und über Rampen springen.

Ganz ehrlich? Den allerletzten Kilometer habe ich im Autopilot überstanden. Irgendwann bin ich über den letzten Hügel gekrabbelt, sah die Zielkurve und blieb einfach mal mittendrin stehen. Ich hatte meinen Bruder verloren. Tjoah. Mein Körper war erschöpft und mitbekommen habe ich eh nichts mehr. Da stand ich also und wartete. Mich lachte diese Riesenpfütze an, die aus der allerersten Kurve, die jetzt die letzte war. Ich nahm kurz Anlauf und hopste mit Schmackes mittenrein. Bisschen Zeit vertreiben. Plötzlich dröhnt es durch die Grube: "Nein, nicht da reinhüpfen!" 

Minuten später ging mir erst auf, dass mich der Radiomann oben auf dem Hügel beobachtet und mein seltsames Verhalten kommentiert hatte. Schließlich war das hier die Zielkurve. Alle anderen rannten erfreut unter den Baggerschaufeln durch und ließen sich feiern. Ich tobte im Matschwasser herum. 15 Meter vor der Ziellinie. Na ja. Prioritäten und so.


Auch der Herr von Radio BOB, der hinter der Ziellinie steht, merkt schnell, dass mit mir nicht mehr viel anzufangen ist. Als er mit dem Mikro auf mich zukommt und mir die Hand schüttelt, nehme ich alles wie durch Watte wahr. Man sieht es mir auch an - er fragt nichts, gratuliert nur, Händedruck kann ich noch. Ich verstehe, warum Fußballspieler nach einem anstrengenden Match nur noch mühsam ganze Sätze zusammengeschustert bekommen; man ist wie benommen. Irgendwie gaga und sehr, sehr abwesend.

Wir stellen uns bei den Vorduschen an. Draußen. Die Schlammschicht auf unseren Körpern beginnt zu trocknen. Wer jetzt den Unterarm dreht, bekommt einen Vorgeschmack auf den Zustand der eigenen Haut in ungefähr 40 Jahren. Müde und fasziniert drehe und wende ich meine Arme, starre stumm auf die vielen Falten. Das waren die längsten und besten 9km meines Lebens.


Dann ist irgendwann alles geschafft. Wir sind vor- und auch richtig geduscht und tragen saubere Klamotten, sehen wieder aus wie Menschen. Fühlen uns allerdings wie King Kong und Clark Gable in einem. Eine halbe Stunde später bricht kurz nochmal die Bestie durch. Und zwar so richtig. Mein Körper fordert plötzlich all die Kalorien ein, die in den vergangenen zwei Stunden verbrannt wurden. Das müssen ne ganze Menge gewesen sein. Ich hatte noch nie im Leben so viel Hunger! Aus dem Weg, ich muss essen!! Ich schiebe mir minutenlang wie wild alles in den Mund, was ich an Verwertbarem zu fassen bekomme - ein alkoholfreies Bier, einen halben Apfel, zwei Milchbrötchen, einen Smoothie, ich teile mir einen deftigen Salat mit meinem Bruder, versenke die Zähne in einem mächtigen Burger mit Rindfleisch, später abends futtere ich noch zwei Waffeln und verdrücke die Reste von Franzoses indischem Essen. Bin von mir selbst beeindruckt. Auch ein klein wenig besorgt und in Ehrfurcht. Zu Hause schlägt die Erschöpfung in einen Energieschub um. Was soll das denn jetzt?! Nicht mal in Ruhe erschöpft sein kann man hier. Eine halbe Stunde lang springe und tanze ich zu unfassbar lauter Musik in der Küche herum, dann wird geduscht. Schon wieder. Diesmal mit warmem Wasser. Schööön. Jetzt ist die Haut dran, sie ist durstig. Drei Mal muss ich alles eincremen, bis sie Ruhe gibt, bis gut is. In mir summt es. Alles fühlt sich super an. Ich friere. Aber es ist gut.

Das Grübeln der letzten Wochen ist wie weggeblasen. Geht auch gar nicht anders. Wer so erschöpft ist, denkt nicht mehr viel nach. Irgendwann macht es Plop, und ich schnarche unverhofft weg. Muskelkater gibt's zum Glück keinen, aber ganze drei Tage, die nur irgendwie überlebt werden, mehr nicht.

Das hier? Jederzeit wieder. Vielleicht auch mal mit Huhn aufm Kopp.

Was gelernt?
Kopf erschöpft? Körper erschöpfen!
Läuft. 


Sonntag, 16. August 2015

Sommer in Frankreich

Liebe Schnitzelfreunde,
manchmal kommt es mir so vor, als würde ich dieses Jahr den Sommer verpassen. Ein ganz klein wenig. Das finde ich echt nicht gut. Ich schimpfe dann eine Runde. Auf alles und jeden, der eventuell Schuld dran sein könnte. Dann werfe ich eilig den Bikini und das türkische Badetuch in meinen Rucksack und düse nach der Arbeit schnurstracks zum Freibad. Und freue mich, wenn die Kollegin am folgenden Tag verwundert fragt, warum ich denn so braun sei. Obwohl ich ja die Einzige im Büro bin, die von April bis Dezember keinen einzigen Tag Urlaub haben wird. (Halb so wild. Durchhalteparolen. Alles für den Dackel Chile.)

Wenn es fürs Freibad zu spät ist - so wie Freitagabend, nach einem tollen Essen, israelisch, Shakshuka und ein Glas Weißwein - weil die Nacht sich bereits stockduster über die Dächer legt, dann sichte ich Urlaubsfotos vom vergangenen Jahr. Und freue mich. 




Das war so ein Sommerurlaub wie er sein soll. Entspannt, ganz federleicht und unbeschwert und voller erster Male. Das erste Mal die Fußnägel lackiert. Knallrot. Seitdem nicht mehr damit aufgehört. Das erste Mal Austern gegessen. Und auch das letzte Mal. Igitt. Das erste Mal (seit, sagen wir, der Grundschulzeit) wieder mit einem Köpper vom Startblock ins Wasser gesprungen und mit dem Kopf voran die Wasserrutsche hinuntergestürzt. War das früher auch schon so aufregend? 








 Bei Franzoses Freunden. Nur Essen und Liebe machen im Kopp. Schön.


Das erste Mal Paragliding ausprobiert. Auch ein bisschen, weil Franzose nicht Fallschirmspringen wollte. Einen Pfirsichkuchen gebacken, an einer Steilwand geklettert, Pflaumen geerntet und zu Marmelade eingekocht, mich mit einem dunkelbraunen Widder angefreundet, der einfach so bei jemandem im Garten rumstand und uns gut fand, Franzose vor den Augen seiner nicht sonderlich begeisterten Mutter den Kopf rasiert - das schöne Haar! - ach, ach, auf ein Dach gekrabbelt, um ein Fenster zu putzen, Bogenschießen im Garten geübt, einen Rasenmähertrecker gefahren und drei Stunden lang die Halme gekürzt, was für ein Garten... 









In einem winzigen Kaff auf dem Straßenfest die Füße beinahe wund getanzt, auf dem Rückweg eine Katze halb überfahren, mein Gott, war mir schlecht. In der Kinderdisco auf dem Campingplatz zum Affen gemacht, mir doch egal, hier kennt mich keiner und die Musik ist grad gut. Na ja, was man mit zwei Gläsern Wein im Kopp und Sommersprossen auf der Nase halt grad gut findet.







Und letztendlich extremst mit Ruhm bekleckert, als wir am Flughafen feststellten, dass wir meinen Rucksack mitsamt allen wichtigen Papieren im französischen Bauernhaus vergessen hatten. 200km entfernt. 

"Wie?! Also. Ich dachte, du hast den eingepackt."
"Joh. Ich dachte, DU hast..."

Top.

Franzose flog fluchend nach Frankfurt, ich fuhr mit der Franzosenmutter wieder zwei Stunden zurück ins Bauernhaus, vorbei an unendlich großen Sonnenblumenfeldern, begleitet von Gekicher und Gesprächen im wahrscheinlich schlechtesten Französisch, das die Welt je gehört hat. Verstanden haben wir uns trotzdem. Denn wenn man muss, dann kann man ja so gut wie alles. Und zusammen singen geht auch immer. Sogar auf Französisch.




Was für ein Sommer. Ich hau mich heute Abend lächelnd aufs Ohr.


Was gelernt?
 Urlaubserinnerungen for president.
Und: Es passt ganz schön viel Leben in zwei kleine Wochen.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Perspektivenwechsel.




 Ihre.


Seine.


Was gelernt?
Anderer Blickwinkel, anderes Bild. 
Und: Anderer Blickwinkel, plötzlich Quadratlatschen.  

Montag, 8. Juni 2015

Istanbul

Liebe Schnitzelfreunde,
ich zeige euch heute ein paar Bilder aus Istanbul. Da war ich vor ein paar Wochen - der ein oder andere mag sich erinnern. Zwar nur für fünf Tage, aber für eine Großstadt reicht das dicke. Für mich sind solche Urlaube was ganz Besonderes: ganz alleine, nur die Kamera und ich. In dieser Konstellation erlebt man meist mehr als in, öhm, anderen Konstellationen. Der Urlaub sprang mich spontan von hinten an, als ich den Arbeitgeber wechselte und unerwartet vor der Wahl stand, mir die restlichen Urlaubstage (wo auch immer sie herkamen) auszahlen zu lassen oder sie eben gutgelaunt abzufeiern. Und da Geld bekanntlich mal kommt und mal geht, ich aber lieber die Welt sehen möchte, war das 'ne klare Kiste. Weg! Aber sowas von weg.


Heute gibt es einfach ein paar meiner liebsten Bilder. Ohne viel Geschnurre und Rhabarber drumherum. "Draußen" warten nämlich zurzeit eine dramatische Mieterhöhung, ein Wasserschaden, emsige Wohnungssuche und andere lustige Dinge darauf, von mir bewundert und bespaßt zu werden. Aber wisst ihr was, das geht auch wieder vorbei. Lehnt euch zurück, denkt an Urlaub und lutscht gemütlich an einer gefrorenen Banane. Ich mach mit. Komm, und jetzt Fotos gucken.


Ihr seht das nicht, aber ich hab mir da dermaßen den Bauch vollgeschlagen. Und ständig Essen geknipst. Als gäb's kein Morgen mehr. Alles musste probiert und dann konserviert werden. In fünf Tagen passt nicht soooo viel Essen in einen rein, dennoch würde ich behaupten, einen beachtlichen Schnitt erreicht zu haben. Salzig, süß, noch viel süßer und ein bisschen sauer. Da ich fremde Städte aber eh immer zu Fuß erkunde, war das schnuppe. Und lecker. So lecker!


Was gelernt?
Fotos für den inneren Seelenfrieden!
Es funktioniert. 

Mittwoch, 13. Mai 2015

Beziehungsprobleme mit überraschend viel Grün
Radtour in der Frankfurter Südkurve

Liebe Schnitzelfreunde,
Frankfurt und ich haben so unsere liebe Müh' miteinander. Irgendwie funkt es nicht so recht. Und das seit mittlerweile über vier Jahren. So ganz genau ist mir noch immer nicht klar, woran das liegt. Wir sind wie ein ungleiches Pärchen, bei dem der eine zu viel nimmt, und der andere zunächst fassungslos dabei zusieht, dann phasenweise heftig protestiert und schließlich einfach seelenruhig mit seinem eigenen Kram weitermacht und darauf hofft, dass der Partner zur Vernunft kommt und mit dem Scheiß aufhört. Da fehlt der Dialog! Im Winter verstehen wir uns wirklich nicht sehr gut, noch schlechter als sonst schon. Aber zum Glück kommt dann immer rechtzeitig der Frühling und dann der Sommer umme Ecke. Kurz bevor's Tote geben würde.

Vergangenen Sonntag war wieder so ein Tag, an dem ich dachte: "Komm, Frankfurt, das kann doch hier nicht so weitergehen mit uns zwei hübschen Köppen. Ich möchte an unserer Beziehung arbeiten. Ernsthaft und aufrichtig. Lass uns nicht lang reden, das üben wir ein andermal, lass uns was tun. Du Sonne, ich den Rest." Und was soll ich sagen?! Gefluppt hat es! Ich war ein klitzekleines bisschen von den Socken, wie großartig ein Tag in Frankfurt sein kann. Na gut, das ist ein wenig geschummelt, weil's eher ein Tag um Frankfurt drumherum war. Aber wir woll'n mal nicht kleinlich sein. Kommt mit.

 
Seit Weihnachten lag hier in der Schublade so ein Buch herum. RadRheinMain - Die schönsten Touren rund um Frankfurt und hastenichgesehnisdatschönhier. Das polterte und randalierte plötzlich. Weil es da draußen einfach so gut roch, nach Sonne und guter Laune. Und wenn man's allein halt nicht hinbekommt, die liebenswerten Seiten einer Stadt zu entdecken, ganz ehrlich, dann kann man sich auch mal professionelle Hilfe holen und das eigene Schicksal in anderer Leute Druckerschwärze legen. Und sich drin wälzen. Ach nein, jetzt geht das mit den schlechten Wortwitzen wieder los...


Wir hatten uns jedenfalls eine echt tolle Tour rausgesucht. Für die hätte man eine S-Bahn benutzen müssen. Blöd, dass grad gestreikt wurde... Na ja, oder auch nicht! Spontan wurde umdisponiert und ganz kreativ Tour Nummer 1 aus dem Buch zum neuen Held des Tages gewählt. "Durch den Frankfurter Stadtwald zur Schwanheimer Düne." Die wollte ich sowieso seit längerer Zeit mal begutachten. Düne in der Großstadt? Wir lassen uns doch nicht veräppeln. Obwohl's ja gut klingt. Sowas muss überprüft werden. Die Tour begann am Eisernen Steg, der Brücke, die ihr hier oben schwer beladen unter unzähligen bunten Vorhängeschlössern geraaade noch so erkennen könnt.

Dann ging es fein am Main entlang, und ich gebe zu, dass ich aus Gewohnheit immer, immer Rhein sagen und auch schreiben möchte. Einmal Pottkind, immer Pottkind, da machste nix. Main also. Das belastet die Beziehung sicher auch ein wenig. Mein Herz schlägt (noch) für einen anderen.


Das da über dem Gewächshaus ist übrigens die neue EZB. Rie-sen-groß.

Wir bogen ab. Das macht man ja manchmal. Gerade, als ich so richtig in die Pedale treten wollte, weil es leicht bergauf ging, quietschte Franzose freudig und ich stolperte irritiert vom Fahrrad. "Speck weg!", rief er und strahlte. Meinte der mich?

Nee.

Das asphaltierte Sträßchen, auf dem wir gelandet waren, trug den Namen "Speckweg". Franzose stellte sich unters Schild, hob das T-Shirt an, zeigte einen Hauch, wirklich nur einen Hauch von Bauchspeck, und ich drückte auf den Auslöser. Leider versprach ich, das Bild hier nicht zu zeigen. Aber ihr habt Phantasie!

Die eigentliche Attraktion rund um den Speckweg ist natürlich eine andere. Dort werden die berühmten sieben Kräuter für die tolle Frankfurter Grüne Soße oder auch Grie Soß angebaut - Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Was für eine bekloppte Mischung. Sie schmeckt aber. Und irgendwer hatte die Idee, dazu noch eine Art obskures Grüne-Soße-Denkmal aufzustellen. Ein Denkmal für Kräuter! Daran sind wir leider achtlos vorbeigeradelt, daher kein Bild. Hm.

Es ging ab in den Wald. Den Frankfurter Stadtwald. Nachdem ich versucht hatte, den Goetheturm umzukippen (es sieht eher nach Tai Chi aus, ja, na ja, na gut), gingen wir erst einmal wieder verloren. Dieser Stadtwald ist voller Schneisen! Das Buch redete von Scheerwaldschneise hier, Ebertschneise da, und passen Sie um Gottes Willen auf, dass Sie den Abzweig nicht verpassen, joah, und schon war es geschehen. Ta-da. Natürlich. Gut. Wir hatten es wenigstens versucht. Das zählt. Wir hielten an einem Stoß aufgeschichteter Baumstämme. Franzose sprang darauf herum, ich legte mich einfach ganz unauffällig zu den Stämmen dazu. Dann sprang auch ich.

 Von unten sieht man selten gut aus.

Viele Schneisen später lichtete es sich plötzlich. Riesige weitläufige Waldwiesen lagen vor uns. Aber gut, so ein bissken Gras wird euch jetzt wohl kaum beeindrucken, ne? Grün halt.


Aber vielleicht so ein Bäumchen hier mit Glubschaugen? Das steht in den Schwanheimer Waldwiesen, ziemlich mittendrin. Zu erkennen an der extrovertierten Stromschlagfrisur. Die seht ihr auf dem nächsten Bild. Frankfurter scheinen Humor zu haben, schau an, schau an. Wir radelten so friedlich an sehr, sehr großen, sehr, sehr grünen Wiesen vorbei, als uns dieser Baum hier unerwartet von der Seite anglotzte. Vollbremsung meinerseits! Beinahe Kollision mit mehreren Verletzten. 


Struwwelpeter sagt das Schild am Baum zu Recht. Geile Frise. Wir machten erneut Halt und bummelten herum. Anstatt wie geplant im Wald nach Bärlauch zu fahnden, begnügte ich mich damit, Pusteblumen plattzupusten und Bäume anzustarren. Und typische Bloggerbilder zu schießen. "Schau, was ich in Händen halte." Die mag ich.

Wie man das an einem Tag, der schon so sehr nach Sommer duftet, halt so macht. Keine Aufregung, nur treiben lassen. War Frankfurt am Ende doch ein Partner, mit dem es sich leben ließe? ...ganz ehrlich, ich mach's der Stadt auch nicht leicht. Da war Skepsis, gleich von Anfang an - wie soll man denn da offen aufeinander zugehen? Ich bin echt ein Depp. 


Nach einer LAUTLÄRMENDEN Überquerung der Schnellstraße B40, die sich geschickt hinter Wald und Wiesen versteckt hatte, surrten wir endlich schnurstracks auf die heiß ersehnte Düne zu. Und ich weiß, wie doof das klingt, aber: das Ding ist flacher als ganz Holland, und trotzdem herrscht da Urlaubsstimmung, sie überkommt einen einfach und heftet sich an die Fersen. Was sicher teilweise am Überraschungseffekt liegt. Diese große Stadt mit all ihren wahnwitzigen Hochhäusern ist so nah, und dann sprießt einem da eine 10 000 Jahre alte Binnendüne aus'm Boden. Da weiß man gar nicht, wohin mit sich. Die Düne muss man auf einem hölzernen Bohlenweg durchqueren. Das darf man barfuß tun. Ein bisschen suchen muss man den Sand auch. Überall stehen Kiefern, drumherum wachsen Silbergras und Bauernsenf, es duftet wie an der französischen Atlantikküste. 

Na gut, und dann kommt einem wie in unserem Fall auch manchmal eine ältere Dame entgegen, die einen zunächst anspricht, eine Frage stellt und dann die Antwort gar nicht erst abwartet, denn "Oooooohhh, da blüht ja eine Grasnelke!! Oh ja, da drüben! Ja. Ja, ja... Mh-hm, ja." und dann läuft sie murmelnd weiter und lässt einen einfach perplex dort stehen. Typ 'begossener Pudel'. Hehehe, ich mag Bekloppte.


Gut. Nicht wundern, einfach weitermachen. Schnell noch auf den Boden gelegt, einen Marienkäfer geknipst und zum zweiten Mal an diesem schicksten aller Maisonntage die Sonnencreme vom letzten Sommerurlaub aufs fahle Antlitz geschmiert.


Und weil es echt sein musste und gar nicht anders ging, radelten wir zum Abschluss unserer Tour allen Ernstes noch einmal quer durch die gesamte Stadt bis zum legendären Eis Christina. Pistazie und Erdbeer-Balsamico für sie, Schokolade und Maracuja für ihn.

Von wegen Speck weg... Vergiss es. Her mit dem leckeren Leben!

Was gelernt?
  Veränderung heißt Arsch hoch!