Sonntag, 22. März 2015

Das ist keine Stulle, das ist Bruschetta!
Born to be a food stylist. Not.

Liebe Schnitzelfreunde,
ich wär so gerne Foodphotograph. Oder auch Foodfotograf. ...und da hätten wir dann auch schon die erste von mehreren Hürden, obwohl noch nix gewesen ist. Wie schreibt man's denn? Jemand, der Essen knipst. Und es schmackhafter aussehen lassen kann als es vielleicht ist. Der mit seinen zahlreichen Foodfotografenfreunden (!) jeden Samstagmittag mit lässig umgebundener Schürze an der Kochinsel mit Induktionsherdplatte lehnt, die Lippen beim Weißweintesten schürzt und vorm geselligen Beisammensitzen mit Kerzenschein noch, ach, eine Sekunde nur, jetzt ist doch goldene Stunde, ihr Lieben, das grad gezauberte 3-Gänge-Menü mit oder ohne Reflektor ablichtet, ohne hinzuschauen, denn die Fotos werden eh der Wahnsinn, wir haben doch Talent, und Photoshop, das haben wir auch. Da wird leidenschaftlich gebacken und gekocht, mit Fachwissen um sich geworfen, dann fein angerichtet, auf stets angesagtem Geschirr und Gedöns, irgendjemand wirft aus unerfindlichen Gründen und auch locker-flockig aus dem Handgelenk noch mit rosa Pfefferkörnern und Pistazienschalen um sich, weil es die Bildkomposition so herrlich auflockert, und schon ist die Welt ein besserer Ort. Zack.

Na ja, oder so ähnlich.

Ist euch auch aufgefallen, dass oft vollkommen absurde Klamotten um das Hauptgericht herumlungern, die überhaupt keinen Bezug zum Rezept haben? Das ist eine tolle Sache! Denn niemand beschwert sich darüber. Salami an Käsetorte mit Beerenhaube? Na und? Passt doch voll gut zusammen. Farblich zumindest. Ein rotes Feuerwehrauto neben der Erbsensuppe mit Cabanossi-Einlage. Aha! Erfrischend! Keine Zeit für unnötige Diskussionen. Ich finde das richtig gut und meine das auch so. 


Und wie man da herumsauen darf! Das ist wahrscheinlich das Beste an der ganzen Sache und mein eigentlicher Wunsch. Mal schön rumsauen. Wenn dem Bienenstich-Shooting der letzte Pfiff fehlt, haut man einfach mit Schmackes auf eine Packung Mehl drauf. Das wirkt dann sehr natürlich. Jeder Zuckerbäcker hätte genau so gehandelt. Alles, was deftig ist und mal im Ofen war, kann großzügig mit mehreren Litern Olivenöl bekleckert werden. Uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Und hinterher muss niemand aufräumen oder spülen. Paradiesische Zustände.

So oder so ähnlich hatte ich mir das Ganze vorgestellt. Dass hinter einem guten Foto von richtig leckerem Essen eine Menge Talent und echt viel Arbeit steckt, manchmal sogar stundenlange - vor einem Jahr hätte ich das keinem so recht geglaubt. Dass hinterher die Küche aussehen kann wie nach einem Bombeneinschlag und man auch noch SPÜLEN muss - gut, das wusste ich, aber verdrängen ist eine Option. Und dann begann ich, über einen Blog nachzudenken. Da ich aber das Talent habe, Dinge anzufangen und dann unversehens wieder liegenzulassen, experimentierte ich zunächst im stillen Kämmerlein, um die Welt vor üblen Bildern zu schützen, später keine Internetleiche auf dem Gewissen zu haben und mich vor allem keinerlei Druck auszusetzen. Vielleicht hatte ich auch einfach keine Lust auf Misserfolg. Schon ein bisschen feige, hm?

Damit aber nicht genug der Vorbereitungen. Wenn mich meine Erinnerung nicht komplett täuscht, war dies ungefähr das ganze Ausmaß der akribisch geplanten Food-Fotografen-Karriere: Ich bummelte wochenlang über Flohmärkte, um total schrammeliges Küchenzubehör zusammenzuklauben. Ein Salzstreuer hier, ein Apfelausstecher dort, ab und zu ein Holzbrettchen, orientalische Saucenpfännchen, eine Tischdecke mit neckischen Fransen oder ein alter Silberlöffel. Ich nötigte Franzose sogar eines Tages, mit Werkzeug im Rucksack loszuziehen, um gemeinsam mit mir eine übel zugerichtete Kommode an einer stark befahrenen Straße auseinanderzukloppen, weil das Holz "einen HERVORRAGENDEN Hintergrund" abgeben würde. Wir machten uns mal wieder zum Horst und übertönten nebenbei sämtliche Geräusche, die die Hauptstraße hergab. Dann brauchte ich dringend zwei Schieferplatten. Weil. Und überhaupt. Also auf zu Depot. Und so kam eins zum anderen, bis sich eine kleine, feine Sammlung ergeben hatte. Die geduldig auf ihren Einsatz wartete. Uuuund wartete. Und...tja. Godot, würde ich sagen.


Bald begann ich, mir einzureden, ich bräuchte gar keinen Blog. Und die Welt da draußen ja eh nicht. Alles völliger Humbug. Es gab außerdem genügend andere Dinge zu tun. Irgendwann fummelte ich doch mal zaghaft was zusammen. Dat schöne Zeuchs! Verkommt ja sonst. Und dann, nach den ersten zwei missglückten Food-Foto-Shootings war die Sache quasi endgültig für mich gegessen. Die Küche glich einem Kriegsschauplatz, am Boden rollte gepoppter Amaranth von Alnatura herum, mir war vom ganzen Probieren total schlecht. Weil ich beim Knipsen ständig hochkonzentriert die Luft angehalten hatte, war mir außerdem schwindelig, und überhaupt war das hier doch alles komplett beknackt. Wer wollte sich denn Bilder von meinem Essen ansehen? Die Welt hatte Besseres zu tun. Und spülen mussten wir ja auch noch. Oah, schlimm.

Meinen Freunden schickte ich auf facebook die Bilder vom ersten Shooting, das meinen Ansprüchen genügte.


Brot. Joah. Ein, zwei Mal musste ich es belustigt verteidigen: "Das ist keine Stulle, das ist Bruschetta, man!" Alles Banausen. Aber dafür liebe ich sie ja auch. Ist immer besser, schön auf dem Teppich zu bleiben. Aber was soll ich sagen - als mein Freund Alex meinte, ich hätte also ein Stück Brot mit Frischkäse beschmiert, ein paar Tomätchen drübergestreut und dann mit Fokus geknipst, erinnerte mich das an meine eigene Haltung gegenüber dieser Art von Fotos. Ein bisschen doof fand ich Alex übrigens auch kurz. Padautz. Karma strikes back. Stulle mit Fokus. Pfff.

Nur, hatte er denn noch recht? Ich wuselte jedenfalls weiter umher, haute trotz Ermutigungen von allen Seiten weiterhin NICHT in die Tasten, und dann, dann kam mir das Leben in die Quere. Aus und vorbei mit den Blogphantasien und den Sauereien in der Küche. Jetzt folgten unruhige Nächte, Grübeleien und Zukunftsängste. Ein paar Monate später folgte der Paukenschlag und ich hatte aus bekannten Gründen plötzlich dermaßen viel Zeit - zumindest gefühlt - dass die ganze angestaute Energie und Kreativität sich ihren Weg bahnte. Der Damm brach. 

Ja, ich möchte jetzt dramatisch sein, lasst mich bitte. Das mit der Foodfotografenkarriere war mir auf einmal egal, jetzt ging alles, denn der flott zusammengekloppte Blog war mein Zeitverbringding und fühlte sich herrlich sinnvoll an. Jeden Tag gab es was zu tun. Kochen, bauen, umherwandern, knipsen, schreiben, bearbeiten. Ich kann schon gut verstehen, warum man am liebsten seinen Lebensunterhalt so verdienen möchte. Wir sind doch alle hier, um was zu erschaffen und zu gestalten. Und irgendetwas zu hinterlassen.

Ihr wollt gar nicht wissen, wie viele Essen in der Zeit eigentlich auf dem Blog hätten landen sollen. Außer diesem hier eventuell. Das war der allerallererste Versuch, Essbares abzulichten. Eine mittelschwere Katastrophe. Und irgendwie auch rührend blöd. Kunstlicht, alles gelb, komische Perspektive und appetitlich geht auch anders. Und ist das da Bratwurst mit Ananas? Na ja, ich weiß nicht. Auch schön: weil das mit dem Essen so schwierig schien, dachte ich, ein Glas Wasser sei sicher einfacher. Kann man so machen, kann man aber auch bleiben lassen. Warum steckt dort ein Stöckchen mit verschrumpelter Beere im Glas? Man weiß es nicht genau. Nur das mit dem fehlenden Zusammenhang im Bild, das hatte ich sofort drauf. Wasser, Rohrzucker, Stock mit Beere. Super! Potential war vorhanden.


Was neben dem ganzen Quatsch aber eigentlich passierte, ist, dass während dieser Phase in meinem Köpfchen ein Lichtlein anging: egal, wie klein und stümperhaft man anfängt, und egal, womit man anfängt - wenn man richtig Lust darauf hat und irgendwie Spässkes empfindet, dann bleibt man auch dran und wird fast nebenbei besser. Man muss aber eben anfangen. Nicht nur übers Anfangen nachdenken. Foodfotografin will ich schon gar nicht mehr unbedingt werden. Zumindest nicht ausschließlich. Das ist der ewig an allem interessierte Generalist in mir. Und ich kann Essen sowieso besser essen als Essen abzulichten. Aber so'n Blog, also, der hat schon was. Da darf ich mich in alle Richtungen austoben! Und die Bilder, die dann doch mal 'ne Stulle zeigen, hinter den Kulissen sogar auffuttern.

Und was ich eigentlich nur sagen will nach drei Metern Text: verdammte Hacke, man, fangt doch einfach an! Egal, womit. Egal, wieviel ihr könnt. Egal, was die anderen sagen. Und total egal, ob ihr euch vielleicht schon ein bisschen zu alt für euer Projekt fühlt oder irgendeinen anderen vorgeschobenen Grund erfindet. Man kann sich ewig auf jeden Quatsch vorbereiten, aber wie's wirklich geht, lernt man erst, wenn man die Ärmel hochkrempelt und ein bisschen schwitzt. Und ob das Ding genauso toll ist, wie es von Weitem aussieht, weiß man auch erst, wenn man's selbst anpackt.

Puh. Jetzt bin ich ein bisschen glücklich und sehe mir enorm viel Essen an. Oder backe Bananenbrot Nummer 5. Oder fange mal wieder irgendetwas an, von dem ich keinen Schimmer habe. Wochenenden sind was Feines.


Was gelernt?
Ich könnt mal anfangen, mich kurzzufassen, ne?


Kommentare:

  1. Sich kurzzufassen wird total überbewertet. Zu dieser Erkenntnis bin ich zumindest für mich gekommen und fahre total gut damit. Finde ich. Und überhaupt nehmen heutzutage viele dieses Bloggen viel zu ernst. Ich habe vor Jahren damit angefangen und du musst dir mal anschauen, was ich da für eine Scheiße fabriziert habe. Aber die Scheiße ist immer noch online und ich stehe dazu, weil Entwicklungen ja etwas Gutes sind. Und wenn heute Blogger aus dem Stegreif mit dem perfekten Blog auf der Matte stehen, dann macht mir das eher Angst ;)!

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    1. Ich finde auch, dass du damit total gut fährst. Manchmal führt halt einfach kein Weg an Detailterror vorbei, da muss der Leser dann einfach durch! Und ich frag mich echt, was da mit mir los war, sonst hops ich einfach mittenrein, aber "dieses Bloggen", öh, irgendwie sah es so groß aus. Komplett bescheuert. Aber man beruhigt sich ja auch mit der Zeit wieder. :)

      Deinen Blog habe ich vor längerem mal von ganz vorne (oder hinten) bis heute durchgelesen, und obwohl mir Schmuck echt am Allerwertesten vorbeigeht, war da irgendwas. Zuzusehen, wie sich jemand oder etwas entwickelt, ist ja auch auf eine Weise rührend. Mich schrecken sofort durchgestylte und bestens vernetzte, organisierte Jungblogs auch eher ab. Irgendwie wirkt das unnatürlich.

      So, auf die Scheiße des Anfangs! Prösterchen.

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