Mittwoch, 13. Mai 2015

Beziehungsprobleme mit überraschend viel Grün
Radtour in der Frankfurter Südkurve

Liebe Schnitzelfreunde,
Frankfurt und ich haben so unsere liebe Müh' miteinander. Irgendwie funkt es nicht so recht. Und das seit mittlerweile über vier Jahren. So ganz genau ist mir noch immer nicht klar, woran das liegt. Wir sind wie ein ungleiches Pärchen, bei dem der eine zu viel nimmt, und der andere zunächst fassungslos dabei zusieht, dann phasenweise heftig protestiert und schließlich einfach seelenruhig mit seinem eigenen Kram weitermacht und darauf hofft, dass der Partner zur Vernunft kommt und mit dem Scheiß aufhört. Da fehlt der Dialog! Im Winter verstehen wir uns wirklich nicht sehr gut, noch schlechter als sonst schon. Aber zum Glück kommt dann immer rechtzeitig der Frühling und dann der Sommer umme Ecke. Kurz bevor's Tote geben würde.

Vergangenen Sonntag war wieder so ein Tag, an dem ich dachte: "Komm, Frankfurt, das kann doch hier nicht so weitergehen mit uns zwei hübschen Köppen. Ich möchte an unserer Beziehung arbeiten. Ernsthaft und aufrichtig. Lass uns nicht lang reden, das üben wir ein andermal, lass uns was tun. Du Sonne, ich den Rest." Und was soll ich sagen?! Gefluppt hat es! Ich war ein klitzekleines bisschen von den Socken, wie großartig ein Tag in Frankfurt sein kann. Na gut, das ist ein wenig geschummelt, weil's eher ein Tag um Frankfurt drumherum war. Aber wir woll'n mal nicht kleinlich sein. Kommt mit.

 
Seit Weihnachten lag hier in der Schublade so ein Buch herum. RadRheinMain - Die schönsten Touren rund um Frankfurt und hastenichgesehnisdatschönhier. Das polterte und randalierte plötzlich. Weil es da draußen einfach so gut roch, nach Sonne und guter Laune. Und wenn man's allein halt nicht hinbekommt, die liebenswerten Seiten einer Stadt zu entdecken, ganz ehrlich, dann kann man sich auch mal professionelle Hilfe holen und das eigene Schicksal in anderer Leute Druckerschwärze legen. Und sich drin wälzen. Ach nein, jetzt geht das mit den schlechten Wortwitzen wieder los...


Wir hatten uns jedenfalls eine echt tolle Tour rausgesucht. Für die hätte man eine S-Bahn benutzen müssen. Blöd, dass grad gestreikt wurde... Na ja, oder auch nicht! Spontan wurde umdisponiert und ganz kreativ Tour Nummer 1 aus dem Buch zum neuen Held des Tages gewählt. "Durch den Frankfurter Stadtwald zur Schwanheimer Düne." Die wollte ich sowieso seit längerer Zeit mal begutachten. Düne in der Großstadt? Wir lassen uns doch nicht veräppeln. Obwohl's ja gut klingt. Sowas muss überprüft werden. Die Tour begann am Eisernen Steg, der Brücke, die ihr hier oben schwer beladen unter unzähligen bunten Vorhängeschlössern geraaade noch so erkennen könnt.

Dann ging es fein am Main entlang, und ich gebe zu, dass ich aus Gewohnheit immer, immer Rhein sagen und auch schreiben möchte. Einmal Pottkind, immer Pottkind, da machste nix. Main also. Das belastet die Beziehung sicher auch ein wenig. Mein Herz schlägt (noch) für einen anderen.


Das da über dem Gewächshaus ist übrigens die neue EZB. Rie-sen-groß.

Wir bogen ab. Das macht man ja manchmal. Gerade, als ich so richtig in die Pedale treten wollte, weil es leicht bergauf ging, quietschte Franzose freudig und ich stolperte irritiert vom Fahrrad. "Speck weg!", rief er und strahlte. Meinte der mich?

Nee.

Das asphaltierte Sträßchen, auf dem wir gelandet waren, trug den Namen "Speckweg". Franzose stellte sich unters Schild, hob das T-Shirt an, zeigte einen Hauch, wirklich nur einen Hauch von Bauchspeck, und ich drückte auf den Auslöser. Leider versprach ich, das Bild hier nicht zu zeigen. Aber ihr habt Phantasie!

Die eigentliche Attraktion rund um den Speckweg ist natürlich eine andere. Dort werden die berühmten sieben Kräuter für die tolle Frankfurter Grüne Soße oder auch Grie Soß angebaut - Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Was für eine bekloppte Mischung. Sie schmeckt aber. Und irgendwer hatte die Idee, dazu noch eine Art obskures Grüne-Soße-Denkmal aufzustellen. Ein Denkmal für Kräuter! Daran sind wir leider achtlos vorbeigeradelt, daher kein Bild. Hm.

Es ging ab in den Wald. Den Frankfurter Stadtwald. Nachdem ich versucht hatte, den Goetheturm umzukippen (es sieht eher nach Tai Chi aus, ja, na ja, na gut), gingen wir erst einmal wieder verloren. Dieser Stadtwald ist voller Schneisen! Das Buch redete von Scheerwaldschneise hier, Ebertschneise da, und passen Sie um Gottes Willen auf, dass Sie den Abzweig nicht verpassen, joah, und schon war es geschehen. Ta-da. Natürlich. Gut. Wir hatten es wenigstens versucht. Das zählt. Wir hielten an einem Stoß aufgeschichteter Baumstämme. Franzose sprang darauf herum, ich legte mich einfach ganz unauffällig zu den Stämmen dazu. Dann sprang auch ich.

 Von unten sieht man selten gut aus.

Viele Schneisen später lichtete es sich plötzlich. Riesige weitläufige Waldwiesen lagen vor uns. Aber gut, so ein bissken Gras wird euch jetzt wohl kaum beeindrucken, ne? Grün halt.


Aber vielleicht so ein Bäumchen hier mit Glubschaugen? Das steht in den Schwanheimer Waldwiesen, ziemlich mittendrin. Zu erkennen an der extrovertierten Stromschlagfrisur. Die seht ihr auf dem nächsten Bild. Frankfurter scheinen Humor zu haben, schau an, schau an. Wir radelten so friedlich an sehr, sehr großen, sehr, sehr grünen Wiesen vorbei, als uns dieser Baum hier unerwartet von der Seite anglotzte. Vollbremsung meinerseits! Beinahe Kollision mit mehreren Verletzten. 


Struwwelpeter sagt das Schild am Baum zu Recht. Geile Frise. Wir machten erneut Halt und bummelten herum. Anstatt wie geplant im Wald nach Bärlauch zu fahnden, begnügte ich mich damit, Pusteblumen plattzupusten und Bäume anzustarren. Und typische Bloggerbilder zu schießen. "Schau, was ich in Händen halte." Die mag ich.

Wie man das an einem Tag, der schon so sehr nach Sommer duftet, halt so macht. Keine Aufregung, nur treiben lassen. War Frankfurt am Ende doch ein Partner, mit dem es sich leben ließe? ...ganz ehrlich, ich mach's der Stadt auch nicht leicht. Da war Skepsis, gleich von Anfang an - wie soll man denn da offen aufeinander zugehen? Ich bin echt ein Depp. 


Nach einer LAUTLÄRMENDEN Überquerung der Schnellstraße B40, die sich geschickt hinter Wald und Wiesen versteckt hatte, surrten wir endlich schnurstracks auf die heiß ersehnte Düne zu. Und ich weiß, wie doof das klingt, aber: das Ding ist flacher als ganz Holland, und trotzdem herrscht da Urlaubsstimmung, sie überkommt einen einfach und heftet sich an die Fersen. Was sicher teilweise am Überraschungseffekt liegt. Diese große Stadt mit all ihren wahnwitzigen Hochhäusern ist so nah, und dann sprießt einem da eine 10 000 Jahre alte Binnendüne aus'm Boden. Da weiß man gar nicht, wohin mit sich. Die Düne muss man auf einem hölzernen Bohlenweg durchqueren. Das darf man barfuß tun. Ein bisschen suchen muss man den Sand auch. Überall stehen Kiefern, drumherum wachsen Silbergras und Bauernsenf, es duftet wie an der französischen Atlantikküste. 

Na gut, und dann kommt einem wie in unserem Fall auch manchmal eine ältere Dame entgegen, die einen zunächst anspricht, eine Frage stellt und dann die Antwort gar nicht erst abwartet, denn "Oooooohhh, da blüht ja eine Grasnelke!! Oh ja, da drüben! Ja. Ja, ja... Mh-hm, ja." und dann läuft sie murmelnd weiter und lässt einen einfach perplex dort stehen. Typ 'begossener Pudel'. Hehehe, ich mag Bekloppte.


Gut. Nicht wundern, einfach weitermachen. Schnell noch auf den Boden gelegt, einen Marienkäfer geknipst und zum zweiten Mal an diesem schicksten aller Maisonntage die Sonnencreme vom letzten Sommerurlaub aufs fahle Antlitz geschmiert.


Und weil es echt sein musste und gar nicht anders ging, radelten wir zum Abschluss unserer Tour allen Ernstes noch einmal quer durch die gesamte Stadt bis zum legendären Eis Christina. Pistazie und Erdbeer-Balsamico für sie, Schokolade und Maracuja für ihn.

Von wegen Speck weg... Vergiss es. Her mit dem leckeren Leben!

Was gelernt?
  Veränderung heißt Arsch hoch!

Kommentare:

  1. Das sieht in der Tat nicht aus wie Frankfurt. Diese Seite hat sich zumindest bisher erfolgreich vor mir versteckt ;)!

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    1. Nicht nur vor dir! :) Aber ich glaube, dass die meisten Großstädte (den Pott fass ich mal kackfrech als eine einzige riesige Metropole zusammen und zähle ihn mit) als eher gräulich und unbegrünt wahrgenommen werden. Dabei muss man nur ein ganz kleines bisschen genauer hinsehen. Das könnte sich zu einer Mission auswachsen.

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